Schlechter Segeltrimm – von Vorteil?
Twist im Großsegel – was soll das? – Das bringt doch nichts! (oder?)
So paradox wie es klingt, so kann es doch richtig sein. – Oder ist ein schlecht stehendes Segel dann doch ein richtiger Segeltrimm?
Das Problem ist folgendes:
Auf Raumschots- bis Vorwind-Kurs und Welle kann ein Schiff zum „Rollen“ oder „Geigen“ neigen. Dabei kann das Schiff aus dem Ruder laufen bzw. der Rudergänger hat Probleme den Kurs zu halten. Eine solche Situation kann mit Querschlagen vor der Welle oder einer Patenthalse enden. Wie kann ich dies vermeiden? Oder woher kommt das eigentlich?
Aerodynamische Anregung beim Rollen:
Auf Raumschots- bis Vorwind-Kurs wird das Großsegel durch die Rollbewegung mal von rechts und mal von links stärker angeströmt, da der Mast hin und her schwingt. Bei einem gut getrimmten oder gut stehenden Großsegel (flacher Trimm) bei mehr Wind, wird die Rollbewegung durch die Vortriebskraft des Segels (Richtung ändern sich in der Schwingung) sogar noch angeregt. Dies ist nachzulesen in:
„Seetüchtigkeit der vergessene Faktor“, Seite 181-189, C.A.Marchaj, Delius Klasing Verlag,1988, Bielefeld (Buch leider im Handel nicht mehr erhältlich, ISBN 3-7688-620-0)
„Die Aerodynamik der Segel“, Seite 366-376, C.A.Marchaj, Delius Klasing Verlag, 1997, Bielefeld, (noch zu kaufen, ISBN 3-7688-1017-8)
„Aerodynamik und Hydrodynamik des Segels“, Seite 665-679, C.A.Marchaj, Delius Klasing Verlag, 1982, Bielefeld, (Buch leider im Handel nicht mehr erhältlich, ISBN 3-7688-0390-2)
Ins besonderen im letzten Buch auf Seite 676 (Messung (F)) wird auf eine starke Verwindung im Segel durch gelösten Baumniederholer hingewiesen (für ein Finn-Dinghy-Segel), - und eine sich ergebende Dämpfung bei gleichzeitiger Erhöhung des Vortriebes aber noch weiterhin bestehender starker Rollbewegung.
Luvgierigkeit bei einer Bö:
Auf Raumschots- bis Vorwind-Kurs wird das Schiff luvgieriger, wenn es nicht mehr beschleunigen kann. Bei einem Schiff, dass im Bereich der Rumpfgeschwindigkeit fährt, wird mehr Wind nicht mehr in Geschwindigkeit umgesetzt, sondern nur noch in Krängung und dann in Luvgierigkeit. Das Schiff luvt dann solange an, bis der Winddruck wieder weg ist – also bis ungefähr Halbwind – genau quer zur Welle.
Was ist ein Twist im Großsegel?
Auf dem Bild ist gut zu sehen, wie das Großsegel in sich verdreht ist. Oben ist das Segel deutlich offener als unten. Das bezeichnet man auch als „Twist“ im Segel. Einen solchen Twist im Segel beseitigt man z.B. durch Durchsetzen des Baumniederholers oder Versetzen des Travellers nach Lee. Dann wird das Segel wieder schön flach.
Normalerweise wird der Twist des Großsegel immer im Zusammenhang mit Höhenwinden diskutiert.
Dies ist jedoch nicht Ziel dieses Artikels und wurde bereits sehr gut in („siehe Link“) beschrieben.
http://vbr.com/djh-segelschule/tech/segel1.htm
oder auch in:
"Segeltrimm leicht gemacht", Joachim Schult, Delius Klasing Verlag, 1999, Bielefeld (im Handel erhältlich, ISBN 3-87412-040-6)
Interessant ist jedoch, dass anscheinend aufgrund des Twistes im Großsegel das Schiff überhaupt nicht ins Rollen kommt – selbst bei aufgeholten Schwert (hydrodynamische Dämpfung) – und dass auch Böen von Achtern „weich“ einfallen. Gut zu erkennen ist im Bild, wie bei mehr Winddruck der Großbaum steigt und so das Segel im Top aufmacht und selber wieder den Segeldruck reduziert. Im Ergebnis wird das Schiff in der Bö nicht Luvgierig – auch wenn der Segeltrimm auf den ersten Blick furchtbar aussieht.
Eine aerodynamische Anregung erfolgt in dieser Situation auch nicht, obwohl ich eigentlich damit hätte rechnen können. Das Segel ist halt nicht mehr ein schöner Tragflügel der gleichmäßig angeströmt wird. Hätte ich das Segel schön flach getrimmt, so hätte ich reffen müssen, da dann der Winddruck in den Böen zu groß gewesen wäre. Da jedoch in jeder Bö der Großbaum gestiegen ist, konnte ich ungerefft fahren (mit bis zu 7 kn laut GPS mit einem 20 Fuß Schiff !!).
Fazit:
Der Segeltrimm sieht zwar bescheiden bzw. furchtbar aus – aber das Schiff kommt nicht ins Rollen und ist gut steuerbar.
Dr. Werner Frie © |