Wie lang soll die Kette beim Ankern sein?
3-mal oder 5-mal Wassertiefe?
In diesem Artikel werden Simulationsergebnisse vorgestellt und diskutiert
um die Frage "nach der richtigen" Kettenlänge beantworten zu können. Die
Wahl des Ankergeschirrs soll hier nur unter dem Aspekt der optimalen
Haltekraft des Ankers betrachtet werden.
Gewiss gibt es noch andere Möglichkeiten ein Ankergeschirr zu optimieren
wie z.B. durch die Verwendung von einem dehnfähigen Ankerseil oder einem
Reitgewicht. Zunächst soll aber nur der Fall von reiner Ankerkette
betrachtet werden. 90% aller Charterer/Segler werden nur mit der auf dem
Schiff vorhandenen Ankerkette ankern. Daher kann dieser "Normalfall" ruhig
mal alleine betrachtet werden.
- Die Ankerkette muss nach drei wichtigen Kriterien beurteilt werden:
- Bruchlast (bzw. Arbeitslast = Bruchlast / 4 )
- Zugwinkel am Anker (bis ca. 8° kann der Anker höchstens richtig gut halten, - je flacher um so besser)
- Federwirkung der Kette
Zunächst einmal wird man nach Schiffsgröße eine geeignete Ankerkette im
Durchmesser wählen (6mm, 8mm, 10mm ...). Nun hat man sich aber schon mit
der Bruchlast festgelegt. Ein 8mm-Kette hat eine typische Bruchlast von
32.000 N. (Je nach Güteklasse kann diese Bruchlast noch variieren.)
Bruchlast heißt die Kraft, bei der die Kette bei einmaliger Belastung
reißen kann. Die Arbeitslast ist die Kraft, bis zu der man die Kette
dauerhaft belasten kann, ohne dass die Bruchlast sich bei längerer
Beanspruchung verringert.
Nur zur Orientierung: Es gibt Tabellen für die Windkraft, die ein Schiff
vor Anker erfährt in Abhängigkeit von Größe und Windstärke. Zum Beispiel
entsprechen 8.000 N ungefähr einer 10m-Segelyacht bei Windstärke 9 !
Die Simulationsergebnisse sind für eine kurzgliedrige 8mm-Kette berechnet
worden. Für jede andere Kette können die Ergebnisse jedoch auch verwendet
werden, da das Verhältnis von Gewicht-pro-Meter und Arbeitslast nahezu
fest ist für alle kurzgliedrigen Kettendurchmesser (bis mind. 13mm). Um
die Daten umzurechnen muss man nur wissen, dass 8000 N bei einer 8mm-Kette
gleichbedeutend ist mit 100 %Arbeitslast. Zur Vereinfachung wird ferner
als "Wassertiefe", der Höhenunterschied zwischen Bugbeschlag und Anker
bezeichnet. Die "Wassertiefe" hier ist also die eigentliche Wassertiefe
plus die Höhe des Bugbeschlages oberhalb der Wasseroberfläche.
Zu den Ergebnissen von der Simulation:
In der Simulation wurde der Durchhang der Kette als echte Kettenlinie
berücksichtigt. Bei 50%-Arbeitslast oder 4000N für eine 8-mm Kette hängen
Ankerketten unterschiedlicher Länge folgendermaßen durch:
In diesem Bild kann man den unterschiedlichen Durchhang der Kette schon
erkennen. Auch ist zu erkennen, dass der Anker bei der kurzen Kette mit
30m Länge bereits deutlich nach oben gezogen wird.
Die gesamte "Haltekraft" beim Ankern ist aber nur so groß wie die Kraft,
die das schwächste Glied aufnehmen kann. Warum kaufe ich mit eine stabile
8mm-Kette mit einer Arbeitslast von 8000 N, wenn mein Anker nie diese
Zugkraft im Grund halten kann? Geht man davon aus, dass sowie so zuerst
der Anker slippt, bevor die Kette reißt, so muss man alles tun um den Halt
des Ankers zu verbessern.
Hieraus kann man die Forderung ableiten, dass die Ankerkette so lang sein
muss, dass bis zur Arbeitslast der Kette der Anker seine Haltekraft im
Grund optimal entfalten kann. Der Anker hat seine optimale Haltekraft,
wenn der Zug noch parallel zum Grund erfolgt. Die Kette muss also so lang
sein, dass der Zugwinkel am Anker bei der Arbeitslast der Kette ungefähr
null ist.
Betrachtet man nun den Zugwinkel am Anker als Funktion der Zugkraft
(horizontal) vom Schiff, so ergibt sich folgendes:
Deutlich zu erkennen ist, dass der Zugwinkel bei nur 3-facher Wassertiefe
sehr schnell ansteigt. Nach dieser Simulation ist also eine Kettenlänge
von der 3-fachen Wassertiefe als absolut ungenügend zu betrachten um bei
Stark-Wind zu ankern. Die 3-fache Wassertiefe ist für Kaffee-Ankerpausen
wahrscheinlich noch geeignet. Ab der 10-fachen Wassertiefe könnte man
davon ausgehen, dass die Haltekraft des Ankers bis zur Arbeitslast der
Kette noch nicht reduziert wird. Bei schlechten Wetter ist man also erst
ab > 7-facher Wassertiefe auf der sicheren Seite. Egal, was man bei
irgendeinem Segelschein mal gelernt hat.
Beim SBF-See lernte man, dass die Ankerkette "normalerweise" mindestens
die
3-fache Wassertiefe lang sein soll (Buch Axel Bark, Prüfungsfrage 271).
Beim
SBF-Binnen (Buch Overschmidt Gliewe) steht es aber ganz deutlich drin,
dass
die 3-fache Länge für Kette und 5-fache für leine "...gelten für stilles
Wasser und Windstille". Es wird sogar darauf hingewiesen, dass 4-fache
Wassertief bei Kette, 6-fache Wassertiefe bei Kette+Leine und 10-fache
Wassertiefe bei nur Leine verwendet werden soll (siehe auch Buch
Seemannschaft). Diese Forderung an die Länge des Ankergeschirrs kann man
fast schon als richtig betrachten! Macht man weitere Segelscheine, so
lernt
man beim SSS, dass "... man solle die 3- bis 5-fache Wassertiefe an
Kettenlänge und die 5- bis 10-fache Wassertiefe an Trossenlänge stecken,
...". Auch hier wird mehr Länge gefordert, – aber anscheinend immer noch
nicht genug!
Wer nun partout weiter an seinem erlernten Wissen mit 3-facher und
5-facher
Wassertiefe für Kette und Leine festklammern will, der sei auf den
Zusatz
aus dem SBF-Binnen-Buch "...gelten für stilles Wasser und Windstille"
hingewiesen worden und möge nur bei diesem Wetter sein Wissen beim
Ankern
anwenden.
Ein weiteres Vorurteil ist, dass die Ankerkette aufgrund ihres Gewichtes
eine federnde Wirkung gegen das Einrucken in den Anker bietet. Mit diesem
Vorurteil soll im folgenden aufgeräumt werden.
Betrachtet man hierzu die Schiffspositionen als Funktion der Zugkraft
(Windlast):
Unschwer zu erkennen ist, dass die Kette schon recht früh unter Spannung
kommt (ca. 1000N). Wenn man dann die Kraft erhöht, so bewegt sich dass
Schiff kaum noch nach hinten. D.h. das Vorurteil "Das die Ankerkette eine
federnde Wirkung hat" stammt von allen Schwach-Wind-Seglern. Bei
Schwach-Wind oder Flaute kann aber jeder ankern! Bei Stark-Wind kann eine
Kette aber nicht mehr groß federn!
Um die "Federwirkung" bei unterschiedlicher Kettenlänge zu vergleichen
wurden alle Schiffsposition auf die Position mit 50m-Kettenlänge
"normiert". Siehe hierzu:
Deutlich zu erkennen ist, dass eine 100m-Kette immer noch etwas mehr
"federn" kann als eine 30m-Kette. Der Federweg der 100-m Kette beträgt
zwischen einer Zugkraft von 1000 N und 8000 N ca. einen Meter !
Das bedeutet: Wenn ein Schiff bei 1000 N Windlast durch eine plötzliche
Welle einen Meter nach hinten versetzt wird, dass dann auf den Anker eine
plötzliche Zugkraft von 8000 N wirkt. Bei dieser ruckartigen Belastung
durch Wellen kann der Anker ausbrechen auch ohne das starker Wind wehte.
Wer also bei Wind und Welle nur mit Ankerkette ankert, der muss sich nicht
wundern, wenn der Anker ausbricht. Da das Schiff die Orbitalbewegung der
Welle nicht mitgehen kann, da die Ankerkette alleine nicht federt. - So
kann der Anker alleine durch die Wellen ausgebrochen werden!
Siehe:
Ankern 3 - Orbitalbewegung
Man sollte sich daher fragen, ob man beim Ankern auf einem Ankerplatz mit
Schwell oder Welle und nur mit Kette nicht bereits grobfahrlässig als
Skipper handelt. Oder handelt der Vercharterer grobfahrlässig, wenn er ein
Schiff mit ungeeigneten Ankergeschirr für eine Region ausrüstet und der
Skipper darauf vertraute ein geeignetes an Bord zu haben?
Auch andere (erfahrenere) Segler vertreten diese Meinung:
http://www.bluewater.de/buganker.htm
http://www.sailpress.com/ankerman.htm
Selbst bei einer Ankerkettenlänge von der 10-fachen Wassertiefe sollte man
Maßnahmen ergreifen um eine "Federwirkung" im Ankergeschirr zu erzielen.
Solche angeblichen Maßnahme (Verwendung Ankerleine+Kette oder Reitgewicht,
Ausbringen vom Zweitanker) werden in Folge-Artikeln diskutiert und auch
teils durch Simulationsergebnisse belegt.
Auch andere (erfahrenere) Segler vertreten diese Meinung:
http://www.bluewater.de/buganker.htm
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© Dr. W. Frie
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